2016 / 24. November

Supply Chain Finance: Warum liegen Milliarden brach?


Quelle: Blog EXCHAiNGE | Exchainge

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Supply Chain Finance: Warum liegen Milliarden brach?

24.11.2016

Ein Gastbeitrag von Sabine Ursel, Kommunikation I Presse I Netzwerk
Journalistin und Kommunikationsberaterin, Wiesbaden (Fokus Einkauf/Vertrieb)

 

Optimierung der Material- und Geldflüsse? Läuft! Gehört schließlich zum Kerngeschäft. Bei der dritten Säule des Supply Chain Managements, der Verwaltung der Geldflüsse, geraten Fachgespräche beim Thema Supply Chain Finance (SCF) schon mal ins Stocken. „Noch nicht im Visier“ oder „Kenne keine Referenzbeispiele für meine Branche “, heißt es zuweilen selbst bei Vertretern global aufgestellter Unternehmen. Dass hier Potenziale schlummern, wird indes nicht bestritten. Also: Warum werden so viele offenbar verschenkte Milliarden Euro nicht besser genutzt?  Eine durchaus berechtigte Frage, die Referenten und rund 200 Teilnehmer des SCM-Gipfels EXCHAINGE 2016 im Oktober im Frankfurter House of Logistics & Mobility (HOLM) diskutierten.

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Seit der Wirtschaftskrise 2008 sind spezielle Finanzierungsprogramme für die Lieferkette in den Fokus der Einkaufs- und Finanzchefs gerückt. Es gilt, gebundene Liquidität freizusetzen und gleichzeitig die Finanzierungskosten zu reduzieren – zum Vorteil beider Seiten. Genauer gesagt: Einseitig genutzte  Markt- bzw. Machtverhältnisse zwischen Käufer und Lieferant, etwa durch Abwälzung von Finanzierungskosten auf Supplier oder beliebige Ausdehnung von Zahlungszielen, lassen sich mittels geeigneter Modelle und Partner durchaus in Einklang bringen. „Konzepte in Sachen Supply Chain Finance drehen sich um die Frage, welcher Player innerhalb der Lieferkette was und wie finanziert“, so EXCHAINGE-Schwerpunktmoderatorin Andrea Walbert (Geschäftsführerin PMI Production Management Institute GmbH).

Wie funktioniert SCF? Ein (einfaches) Beispiel: Nimmt ein selektierter Lieferant am Supplier-Finance-Programm des Unternehmens X teil, stellt er seine Rechnung wie gewohnt direkt an X. Sein Geld erhält er wenige Tage darauf von einer Bank. Die begleicht seine Forderungen abzüglich eines Abschlags. Dieser Diskont bezieht sich auf Finanzierungskonditionen von X, die meist deutlich unter den Konditionen liegen, die der Lieferant seiner Hausbank zur Zwischenfinanzierung der gleichen Summe hätte zahlen müssen. X zahlt schließlich den vollen Rechnungsbetrag zum vereinbarten späteren Zeitpunkt an die Bank. Vorteile: Lieferanten treten weniger in Vorleistung. Sie profitieren von den günstigen Finanzierungskosten des Unternehmens X, das selbst durch lange Zahlungsziele mit der Bank das Working Capital seiner einzelnen Unternehmensbereiche verbessert. Technische Lösungen unterstützen zwischen ERP-Systemen von Kunde, Lieferant und Bank. Neu ist die Möglichkeit, auf Banken als Intermediär zur (Zwischen-)Finanzierung der Lieferantenforderungen zu verzichten und auf Finanzierungsplattformen zu gehen. Lieferanten können ihre Forderungen bankenunabhängig bis zu 100% Bevorschussung verkaufen und erhalten nach zwei Bankarbeitstagen ihr Geld.

Die EXCHAINGE machte deutlich, dass Themen wie Liquidität bzw. Cashflow, Risikoabsicherung und Optimierung des Umlaufvermögens bzw. Working Capital an Bedeutung gewinnen. Zugleich entließ der SCM-Gipfel die Zuhörer aber mit der Gewissheit, dass sich hinter den komplexen Prozessen nicht unerheblicher Aufwand und Fallstricke verbergen.

Einer der Überzeugten ist Guido Rossbach, Director Supply Chain Supplier Financing bei GKN Land Systems (Automobil, Industrie, Off-Highway, Luftfahrt). Er berichtete auf der EXCHAINGE vom 2015 gestarteten SCF-Projekt. 24 Lieferanten – 16 in den USA, acht in Europa – waren beteiligt; sie standen für 6% des Spends im ersten Jahr. Zielgruppe: „Selektierte KMU. Für Große ist das Programm aufgrund ähnlicher eigener Konditionen weniger attraktiv“, so Rossbach. SCF ist seiner Ansicht nach kein reines Cash-Tool, sondern eine Form der Kollaboration … „beide Seiten rücken näher zusammen“. Rossbach zeigte aber auch auf: „Win Win ist möglich, man hat sich aber auf eine Reise einzustellen. Die Implementierung ist nicht einfach.“

Das kann Sönke Jungclaus bestätigen. Der Director Global Purchasing & SCM bei Freudenberg Performance Materials (Dichtungen, Vliesstoffe, Haushaltsprodukte, Schmiermittel, IT-Dienstleistungen) erzählte freimütig von vergeblichen Bemühungen, das eingeleitete SCF-Programm am Ende durchzusetzen. Alle Aktivitäten wurden gestoppt, bevor die Operationalisierung begann. Freudenbergs Supplier-Struktur ist schlichtweg nicht geeignet. Gründe u.a.: zu geringes Ordervolumen bei interessierten Lieferanten, zu viele Supplier und Freudenberg-Einkaufseinheiten in Ländern außerhalb des anvisierten regionalen Programmbereichs. Hindernis waren auch die beträchtlichen Start-up-Kosten von 50.000 bis 80.000 Euro für die Einrichtung der Schnittstelle … plus Zusatzkosten  für jeden einzelnen zusätzlichen SAP-Kunden sowie für das Hosting auf beiden Seiten. Nicht zu vergessen: „Der Stolz der Lieferanten …“, so Jungclaus. In seinem Fazit versah er darum den Faktor „Profitabilität end-to-end“ alleine schon wegen der Anstrengungen in Sachen IT mit einem Fragezeichen.

Und wie ist nun die Eingangsfrage zu beantworten? Ganz einfach: Milliarden liegen brach … weil sich noch nicht Viele mit dem Gesamtkomplex Supply Chain Finance auseinandergesetzt haben. Moderatorin Andrea Walbert verwies auf eine Studie der Aberdeen Group aus dem Jahr 2006: Seinerzeit hatten sowohl Einkäufer als auch Lieferanten kaum ausreichende Kenntnisse über Vor- und Nachteile. Zehn Jahre später, so darf vermutet werden, hat sich das nicht radikal geändert. Also: SCF als Idee aufgreifen, Profitabilität analysieren und auf Tauglichkeit prüfen – erst danach lässt sich wirklich beurteilen, wem diese speziellen Modelle was bzw. wie viel bringen. Was GKN und hoffentlich seinen Lieferanten zum Vorteil gereicht, hat sich bei Freudenberg als ungeeignet erwiesen. Erst der Versuch machte klug. Schlichte Weisheit am Schluss: Modelle, die in der Theorie genial klingen (und auf Milliarden-Potenziale hindeuten), bewähren sich nicht in jedem Einzelfall in der Praxis. Aber das wissen ja eh alle, die ihr Kerngeschäft im Griff haben …

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